Roderick Hendrick

Roderick Hendrick denkt seine Bilder als Systeme – grafische Strenge, inneres Gleichgewicht, kontrollierte Spannungen.
Den strikten Rahmen von ■ 30.5 ■ verwandelt er in ein Feld visueller Konstruktion, in dem jede Serie ihrer eigenen formalen Logik folgt.

Ob er einen unsichtbaren Code untersucht (Matière Noire), eine auf das Wesentliche reduzierte Sprache entwickelt (Pré-Syntaxe) oder energiegesättigte Figuren komponiert (Mini Pop) – er formt eine Bildsprache, die dicht, klar und unmittelbar ist.

Ein Werk der Präzision, durchzogen von permanenter Spannung – wie eine gespannte Linie, die nie reißt.


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Wie kam dir der Gedanke, dass Dunkle Materie Information und keine Substanz sein könnte?
Ich bin dieser Hypothese in populärwissenschaftlichen Artikeln begegnet. Sie ist nicht bewiesen, aber sie hat mich sofort fasziniert: Dunkle Materie könnte eine Informationsstruktur sein – ein unsichtbarer, aber aktiver Code, der Materie organisiert und Kausalitäten lenkt. Sie wirkt in der Tiefe, ohne direkt sichtbar zu sein. Das entspricht meinem Interesse an unsichtbaren Strukturen, die unsere Wirklichkeit formen.

Du stellst Dunkle Materie nicht dar, du interpretierst sie. Wie übersetzt man so ein abstraktes Konzept in konkrete Formen?
Ich habe einmal eine Naturdokumentation gesehen: Ein Krokodil bewegte sich langsam durch das Wasser. Was mich daran beeindruckte, war nicht das Tier selbst, sondern wie seine Bewegung die gesamte Umgebung veränderte – die Strömung, die Linien, die Dichte des Wassers. Für mich war das ein Bild für Dunkle Materie: etwas Unsichtbares, das wirkt, Information überträgt und bestimmt, wie alles andere reagiert. Was ich zeichne, sind diese Logiken – stille Kräfte.

Deine Arbeit wirkt hochgradig strukturiert. Planst du alles im Voraus, oder bleibt während des Prozesses noch etwas offen?
Ich lege eine Grundstruktur fest, lasse aber Raum für Anpassungen beim Zeichnen. Ich achte sehr auf das Gleichgewicht – jede Veränderung beeinflusst, was danach kommt.

Und wie weißt du, wann ein Werk abgeschlossen ist?
Wenn das Gleichgewicht stimmt. Nicht zu viel, nicht zu wenig.

Wie viel Raum lässt du für Fehler oder Zufälle?
Sehr wenig. Ich arbeite mit klar definierten inneren Systemen. Wenn ein Werk nicht trägt, beginne ich von vorne. Wenn es mich enttäuscht, zerstöre ich es. Ich versuche nicht, den Zufall oder das Ungefähre einzubauen. Es geht nicht um freie oder spontane Geste. Es ist gebaut. Entweder es funktioniert – oder es gehört nicht dazu.

Was soll man als Betrachter:in spüren?
Struktur. Dass das Bild von etwas getragen wird, das man nicht sofort benennen kann.

S01 : //

Mit // schneidet Hendrick jede Erzählung ab und lässt nur die Spannung bestehen.
// zielt auf das, was der Struktur vorausgeht.


Du hast Architektur studiert. Was nimmst du aus dieser Disziplin mit in deine künstlerische Arbeit?
Die Architektur hat mir beigebracht, in Systemen zu denken und Elemente mit innerer Logik zu ordnen. Eine innere Struktur zu entwickeln – auch wenn sie nicht sichtbar ist.

In deinen Kompositionen tauchen bestimmte Elemente wieder auf. Verfolgst du ein festes System?
Mein Vokabular entwickelt sich von Werk zu Werk. Ich verwende kein starres Raster, aber jede Komposition basiert auf einer konsistenten Struktur, die visuell trägt.

Wie entscheidest du über Format und Maße deiner Arbeiten? Hängt das vom Projekt ab – oder ist das bei dir konstant?
Ich arbeite aus der Idee heraus. Solange sie mich beschäftigt, entwickle ich sie weiter – wie ein Motiv in schrittweiser Transformation. Wenn sie sich erschöpft, lasse ich sie los. Dann kann sich alles ändern: Format, Technik, Stil, selbst der Einsatz von Farbe. Nichts ist festgelegt.

Kehrest du manchmal zu alten Ideen zurück?
Nur selten. Sie müsste mich neu überraschen – einen neuen Zugang eröffnen. Sonst lasse ich sie hinter mir

Mini Pop bringt eine direkte Figur mit einem Raster grafischer Intensität in Reibung. Der Blick schwankt zwischen lesbarem Zeichen und pulsierender Struktur – ohne Hierarchie.

Du arbeitest immer allein. Suchst du nie Austausch – oder brauchst du die Ruhe für dich?
Ich arbeite allein, weil ich Konzentration brauche. Aber ich bin offen für Austausch, solange er klar und strukturiert ist. Wie auf einer Baustelle: Jeder arbeitet in seinem Bereich – aber auf ein gemeinsames Ziel hin.

Hast du eine Methode, um neue Ideen zu entwickeln – oder kommen sie einfach?
Sie kommen einfach. Eine Form, eine Intuition, ein Blickwinkel. Wenn sie trägt, vertiefe ich sie. Ich erzwinge den Prozess nur selten.

Glaubst du, dass deine Arbeit sich eher in Richtung Komplexität oder Einfachheit entwickelt – oder ist das offen?
Ich habe keine feste Richtung. Wenn eine Idee komplexe Ausarbeitung verlangt, folge ich ihr. Wenn sie etwas ganz Einfaches oder sogar Rohes braucht, lasse ich das ebenso zu. Ich habe keinen fixen Stil, keine Regel. Ich richte mich ganz danach, was die Idee verlangt – in welcher Form auch immer.

Drei Inspirationsquellen?
Georges Rousse, Carl Finlow, Marc-Antoine Mathieu

S03 : Matière Noire (Dunkle Materie)

Matière Noire artikuliert gespannte Strukturen, geleitet von einer unsichtbaren Logik.
Roderick Hendrick zeichnet eine methodische Abstraktion, in der jede Form auf eine codierte Spannung reagiert.